DIE TÄNZE
In unseren Tänzen unterscheiden sich die Rolle des Mannes und der Frau stark. Die gleichgültig wirkende Frau beschreibt mit kurzen schnellen Schritten, die Arme dabei dicht am Körper, immer um das gleiche Zentrum einen Kreis. Der Mann folgt keiner zuvor festgelegten Schrittabfolge. Mit großen Sprüngen versucht er, seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen und die Gunst der Frau zu gewinnen.
Unsere Tänze, sowie die gesamte Volkskultur sind von einer ländlichen Bauerngesellschaft geprägt, deren Mitglieder auf dem und vom Land lebte und wenig Gelegenheit zum Feiern hatte. Die Lieder erinnern stark an den Orient und die Wörter muss man oft erraten, da häufig ganze Silben weggelassen werden, um sie an die eintönige Musik anzupassen.
Am stärksten war wahrscheinlich der christliche Einfluss, der im Jahre 1235 begann, als die katalanischen Herren unter Jaime I. die Insel den Mauren entrissen. Dieser Einfluss wird vor allem im Schmuck, in der Kleidung der Männer und in unserer Sprache deutlich. Aber trotz der Christianisierung der Tänze und die Aufnahme der Musik in die Liturgie ist der profane Charakter dieser noch leicht zu erkennen.
LA CURTA
Es handelt sich hierbei um einen Tanz von kurzer Länge. Die Schritte und der Rhythmus sind für ältere Generationen geeignet. Normalerweise begannen und beendeten die alten Leute, der Brunnenherr mit der Erbin des Hauses oder die Schwiegereltern der Brautleute das Fest mit diesem Tanz, und gaben damit den anderen zu verstehen, dass sie weiterfeiern konnten.
LA LLARGA
Dieser von den jungen Leuten getanzte Tanz ist schneller und kraftvoller. In fast allen Tänzen wählt der Tänzer seine Partnerin durch einen lauten Schlag seiner Kastagnetten. Für diese etwas grobe Geste, eine Frau zum Tanz einzuladen, entschuldigt sich der Mann am Ende, indem er vor ihr niederkniet. Die Frau antwortet ihm mit einer leichten Verbeugung.
SA FILERA
Hier tanzt ein Mann mit drei Frauen, die sich in einer Reihe aufstellen. Dieser Tanz erinnert an einen Hochzeitstanz, bei dem die Braut von zwei Freundinnen begleitet wird. Der Rhythmus ist gleich wie bei der Llarga.
SES NOU RODADES
Dieser vielleicht schönste und wichtigste Tanz unseres Repertoires wird am Ende von Hochzeitsfeierlichkeiten getanzt. Bei dem an eine Hochzeitszeremonie erinnernden Tanz beschreiben die frisch Vermählten eine Reihe von Kreisen, trennen sich und treffen sich in der Mitte wieder und haken sich an den Ellbogen unter. Nach dem sechsten Kreis zeigt die Braut ihre vierundzwanzig Ringe, die ihr der Bräutigam geschenkt hat.
DIE INSTRUMENTE
Die rhythmische Grundlage unserer Musik sind die Schlag- und Blasinstrumente. Es überrascht vielleicht, dass auf einer so mediterranen Insel die Saiteninstrumente fehlen. Die Trommel, die Flöte, der espasí (Metallstück mit der Form eines Schwerts) und die Kastagnetten begleiten unsere Tänze und Feste.
DIE TROMMEL
Die Trommel wird aus dem ausgehöhlten Baumstamm einer Pinie hergestellt. Außen ist sie mit Eingravierungen und Malereien geschmückt, bei denen die Farben Rot und Grün vorherrschen. Die Motive stellen Pflanzen oder geometrische Figuren dar. Die Trommelfläche ist aus Kaninchenleder.
DIE FLÖTE
Bei der Herstellung einer Flöte wird ein Ast eines Oleanders mit Hilfe von Feuer ausgehöhlt. Sie hat nur drei Löcher und auch ihre Motive stellen Pflanzen oder geometrische Figuren dar. Für das Spielen dieses Instruments ist das größte Geschick notwendig. Die Komponisten dieser Lieder verfügten jedoch über keine Kenntnisse der Kompositionslehre oder Musiktheorie und die Flöte wird von der Trommel begleitet gespielt.
DER ESPASÍ
Es handelt sich um ein Metallstück mit der Form eines Schwerts, mit dem man die für Metall typische schrille Musik erzeugen kann.
DIE KASTAGNETTEN
Dies ist wegen seiner Form und seines Klangs wahrscheinlich das eigentümlichste Instrument. In das aus Wacholderholz hergestellte Instrument werden geometrische und Pflanzenmotive eingeschnitzt. Obwohl die Kastagnetten im Mittelmeerraum sehr verbreitet sind, gehören jene, die wir verwenden, zu den größten, die man kennt. Ihr Klang ist dem von Pferdehufen ähnlich.
DIE XEREMIA
Dieses Blasinstrument wurde vor allem von den Hirten verwendet. Es wird aus zwei jungen Halmen hergestellt und mit einer Zunge versehen, die während des Spielens vibriert. Im British Museum in London ist ein der xeremia identisches Instrument ausgestellt, bei dem es sich um die ägyptische maid handelt.
Diese Instrumente begleiten nicht nur unsere Tänze, manche kann man auch bei religiösen oder anderen Feierlichkeiten hören. „Ses caramelles“ ist ein Lied für den Heiligen Abend. Sa Pujadeta und Sa Calera sind inzwischen klassische Lieder und auf der Insel sehr beliebt.
DIE KLEIDER
Die Ursprünglichkeit und Echtheit einiger Kleider wird dadurch unterstrichen, dass manche über dreihundert Jahre alt sind und noch immer getragen werden.
Sowohl bei den Tänzen als auch bei den Kleidern gibt es zwischen den Dörfern der Insel kleine Unterschiede. Je nach ihrer Funktion und ihrem Alter können wir sowohl für Männer als auch für Frauen drei Kleidertypen unterscheiden.
DIE SCHWARZE GONELLA
Dieses Kleid, das als das älteste der Frauen gilt und wahrscheinlich schon seit dem 18.Jahrhundert getragen wird, ist ein Kleiderrock aus gewebter Wolle. Er besteht aus einem Unterrock, einem Wams aus Estamin und Ärmeln aus gesticktem Satin mit Silberknöpfen und bunten Bändern, einem Umschlagtuch aus gelber Seide und einem cambuix, ein gesticktes Tuch an der Schleppe. Dazu trägt man einen schwarzen Filzhut mit großer Krempe.
Der typische Schmuck zu diesem Kleid ist aus Silber und roter Koralle. Das in späteren Jahren so häufig benutzte Gold war in jener Zeit selten. Dieser Schmuck wurde mit bunten, bestickten Bändern am Körper befestigt.
DIE WEISSE GONELLA ODER WEISSES KLEID
Dieses Kleid aus strahlendem Weiß besteht aus den gleichen Teilen wie die Gonella (Unterröcke, Wams, Schürze, Umschlagtuch und Tuch), aber mit einigen Besonderheiten. Nie wird zu diesem Kleid ein Hut getragen. Die Braut zog so viele Unterröcke an bis sie nicht mehr durch die Tür ihres Zimmers passte und ihre Festtagskleider waren aus Gold. Normalerweise war das die Aussteuer, die ihre Familie zur Hochzeit beitrug. Dazu trägt man ein Kreuz, "la joia", das an einer achtzehn Handbreit langen Kette hängt (sie kann 6 o der 7 Mal um die Brust geschlungen werden) und zwei oder drei Halsketten. An den Ärmeln sind Goldknöpfe. Die Ringe können verschiedene Formen und Verzierungen aufweisen, z.B. das Familienwappen, ein Herz oder einen Hausschlüssel. Diese insgesamt vierundzwanzig Ringe wurden der Braut von ihrem Verlobten geschenkt.
BUNTE GONELLA ODER BUNTES KLEID
In entlegenen Dörfern kann man immer noch meist alte Frauen sehen, die dieses Kleid täglich tragen. Am Festtag des Dorfes legen sie zum Kirchgang, einer lange Tradition folgend, ihren Schmuck oder ihre besten Kleider an.
Dieses Kleid besteht prinzipiell aus den gleichen Teilen wie die oben genannten, aber die Schürze ist meist lang, über Festtagskleidern auch kurz. Dazu wird manchmal ein Hut aus Pitahanf getragen (capell de floc) und ein gelbes Tuch, die aber nie zu den Festtagskleidern getragen werden.
Auch die drei wichtigsten Kleider der Männer sollen hier kurz beschrieben werden:
Jenes, das als das älteste gilt, hat seinen Ursprung vermutlich in einer Militäruniform und stammt wahrscheinlich aus der gleichen Epoche wie die gonella. Bei diesem Kleidungsstück dominiert schwarz über weiß und dazu träg man einen Rosenkranz aus Silber und Ebenholz.
Die wahrscheinlich beliebteste Kleidung ist aus strahlendem Weiß mit einem reich bestickten Hemd und wird vor allem zu Festlichkeiten im Sommer getragen. Dazu trägt man eine bunte Leibbinde und eine Weste mit je nach dem Reichtum des Mannes zwischen 14 und 24 Silberknöpfen.
Die modernste Kleidung, die erst vor kurzem verschwand, wurde vor allem von alten Männern getragen. Dieses schmucklose Gewand hatte weder eine Knopfreihe noch irgendeine andere Dekoration. Es besteht aus einem dunklen Oberhemd, das nur am Hals geschlossen wird, und das über dem Hemd getragen wird. Dazu trägt man normalerweise ein gelbes Tuch und einen schwarzen Filzhut.
Zu allen diesen Gewändern trug man handgearbeitete Hanfsandalen. Bei den Gewändern der Männer dominierten Rot und Weiß, während die Farben der Frauenkleider viel fantasievoller waren. Hervorzuheben sind noch die Schmuckstücke, z.B. das Schmuckstück S"emprendada, eine Kombination aus Gold, Silber und Koralle, dessen historischer und künstlerischer Wert weit über seinem finanziellen liegt.
und wir könnten hier nicht enden, ohne hervorzuheben, dass der Tanz, die Musik und die Kleider ein wichtiger Teil unserer Kultur sind und einen wichtigen Teil unserer kulturellen Identität darstellen.
Aus dem Buch "Ball Pagès", erstellt von der Grup Folklòric de Sant Josep de sa Talaia.